Geschichte der Karpfenzucht in Sachsen

Brotfisch der Sächsischen Kulturlandschaft

Die Karpfenteichwirtschaft hat in Sachsen eine sehr lange Tradition. Schon vor über 750 Jahren wurden hier die ersten Teiche angelegt.
Der älteste schriftliche Nachweis stammt aus dem Jahr 1248 und bezieht sich auf das
Kloster St. Marienstern in der Oberlausitz. Viele der heutigen Teiche entstanden zwischen 1350 und 1550 durch Adel, Städte und Klöster – 
vor allem aus wirtschaftlichen Gründen.

Seit Jahrhunderten dienen die Teiche der
Karpfenzucht. Dabei wurde stets nachhaltig gewirtschaftet, sodass viele Teiche bis heute sehr ertragreich sind. Durch ihre Nutzung entstanden wertvolle Lebensräume für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten. Moderne Teichwirtschaft verbindet Wirtschaftlichkeit, Naturschutz und soziale
Verantwortung. Ziel ist es, gesunde Lebensmittel zu erzeugen, die Umwelt zu schützen und zugleich faire Preise und Einkommen zu sichern.

Klöster und Teichkultur

Lange Zeit glaubte man, dass vor allem Klöster für die Anlage und Verbreitung der Karpfenteiche in Süddeutschland verantwortlich waren. Neuere Forschungen zeigen jedoch ein anderes Bild. Die meisten historischen Teiche wurden von Rittergutsbesitzern und Standesherrschaften gebaut und bewirtschaftet.

Die ersten schriftlichen Hinweise auf Teiche stammen aus dem Jahr 1248, weitere sichere Erwähnungen folgen ab 1284. Danach gibt es zunächst nur wenige Nachweise. Erst ab der Mitte des 15. Jahrhunderts nahm der Teichbau deutlich zu.
Politisch und wirtschaftlich herrschten vergleichsweise stabile Verhältnisse, besonders in den Städten wuchs der Bedarf an Lebensmittel. Der Karpfen war eine geschätzten Delikatesse am sächsischen Königshof. In der Fastenzeit (November bis Februar) ersetzte er häufig Lachs und Forellen aus Elbe und Mulde, die wegen Hochwasser oder Schonzeiten nicht ausreichend verfügbar waren.

Zwischen 1451 und 1499 werden allein in der Oberlausitz 37 Teiche in Lehnsbriefen erwähnt. Innerhalb von rund hundert Jahren entstanden etwa 1.000 Teiche mit einer Gesamtfläche von rund 3.000 Hektar.

Im 17. Jahrhundert steigerten Teiche den Wert von Rittergütern erheblich. Der Bau neuer Teiche nahm weiter zu, teilweise wurden sogar Acker- und Weideflächen in Teichanlagen umgewandelt.

Der Dreißigjährige Krieg (1618–1648) traf auch die Teichwirtschaft schwer. Dennoch kamen die Fischbestände eher glimpflich davon, vor allem im Vergleich zu den massiven Verlusten an Vieh und Getreide.
Lebende Fische ließen sich kaum über weite Strecken transportieren, und es fehlte an Salz zur Haltbarmachung. Plünderungen lohnten sich daher weniger als bei anderen Lebensmitteln.

Nach dem Krieg wurden in der Lausitz wieder neue Teiche angelegt, sobald sich die wirtschaftliche Lage der Rittergüter stabilisierte.

Im 18. Jahrhundert ging der Neubau von Teichen zurück. Die landwirtschaftlichen Möglichkeiten waren weitgehend ausgeschöpft, ebenso die nutzbaren Wasserressourcen. Damit erreichte die große Ausbauphase der Teichwirtschaft ihr Ende.

Teichwirtschaft im 19. Jahrhundert

Der strukturelle Wandel führte in der Teichwirtschaft zu einer Reduzierung der Fläche, dafür konzentrierte man sich auf wirtschaftlich rentable Teiche: gute Lage, ausreichend Wasser und vor allem hoher Ertrag.

Viele ehemalige Herrschafts- und Gutsteiche gingen in bürgerliche und bäuerliche Hände über, oft kombiniert mit Ackerbau und Viehzucht. Der Staat förderte vor allem die Landwirtschaft, was zusätzlichen Druck erzeugte, Teichflächen in Äcker und Wiesen umzuwandeln. Trotzdem blieb der Karpfen ein wichtiges Fasten- und Festessen. Gut gelegene Teichanlagen konnten daher weiterhin bewirtschaftet werden und behielten ihre Bedeutung.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts steigerte man die Erträge der Teiche durch Düngen, Kalken und gezieltes Zufüttern von Getreide, damit die Karpfen schneller wuchsen. Außerdem wurde der Jungfischbesatz gezielt gesteuert, die jungen Karpfen wurden gezählt, nach Größe sortiert und in passende Teiche umgesetzt, um die Bestände optimal zu nutzen. Wichtige Techniken der Karpfenzucht waren vor allem mehrjährige Aufzucht. Karpfen blieben in der Regel 3 bis 6 Jahre im Teich, bevor sie als Speisefisch entnommen wurden.
Zum Fang ließ man die Teiche ab, konzentrierte die Fische am Mönch/Auslauf und fing sie mit Zugnetzen oder Reusen. 

Umweltveränderungen in der Elbe, durch Überfischung, Staubauten und Verschmutzung, ließ den Ertrag von Wanderfischen wie dem Lachs sinken, somit gewann die Teichwirtschaft durch eine relativ kontrollierbare Form der Fischzucht zusätzlich an Bedeutung. Mit dem Ausbau der Eisenbahn konnte lebender oder frisch geschlachteter Karpfen aus den Teichgebieten in weit entfernte Städte transportiert werden, der Karpfenhandel nahm sprunghaft zu. Dadurch wurde die Teichwirtschaft stärker überregional eingebunden, was Anreize für höhere Erträge und professionellere Bewirtschaftung schuf. 

Im 19. Jahrhundert wurden Prädatoren in der Teichwirtschaft vor allem durch direkte Verfolgung reguliert. Systematischen Lebensraum- oder Artenschutz, wie wir ihn heute kennen, gab es noch nicht. Kormoran, Fischotter, Biber und Reiher wurden überwiegend als schädliche Konkurrenten betrachtet und massiv verfolgt. Zufolge dessen gingen ihre Bestände im 19. Jahrhundert stark zurück. 

Die Priorität lag klar auf maximalem Fisch- und Ertragsschutz für Fischerei und Teichwirtschaft. Der Gedanke Prädatoren als Teil eines schützenwerten Ökosystems zu akzeptieren, setzte sich erst im 20. Jahrhundert langsam durch.

Warmwasserfischzucht
Zwischen Tradition, Technik und Zukunft

Die Fischzucht in der Lausitz und anderen Industrieregionen ist weit mehr als nur ein Wirtschaftszweig, sie ist ein Kapitel deutscher Technikgeschichte. Besonders in den 70er und 80er Jahren entwickelte sich hier ein Verfahren, das heute als Vorreiter moderner Kreislaufwirtschaft gelten kann. Die Warmwasser-Intensivzucht unter Nutzung industrieller Abwärme.

Man nutzte das gereinigte, erwärmte Kühlwasser von Braunkohlkraftwerken wie Boxberg, Vetschau oder Jänschwalde, um die Becken der Fischzuchtanlagen zu speisen.

Der entscheidende Vorteil dabei ist, dass Karpfen, die normalerweise in natürlichen Teichen eine Winterruhe einlegen, im konstanten Warmwasser ganzjährig wachsen. Dies verkürzte die Produktionszyklen drastisch und sicherte eine stabile Versorgung mit Frischfisch. In der Hochphase wurden allein in der Lausitz jährlich rund 8.000 Tonnen Karpfen produziert.

Mit der politischen Wende 1989 änderte sich alles. Kostendruck und veränderte Märkte ließen die Produktion sinken, doch die Qualität und das Wissen blieben. Ein perfektes Beispiel ist der Peitzer Karpfen.

Heute ist dieser Fisch als „geschützte geografische Angabe“ durch die EU zertifiziert, der ihn auf eine Stufe mit Champagner oder Spreewälder Gurken stellt. Noch immer nutzt die Teichwirtschaft Peitz das warme Wasser des Kraftwerks Jänschwalde, vor allem für die Aufzucht der Jungfische, um ihnen einen optimalen Start zu ermöglichen.

Aber ein Blick in die Zukunft zeigt auch hier vielleicht ein baldiges Ende. Mit dem geplanten Kohleausstieg stehen die Fischer erneut vor einer neuen Herausforderung. Es wird nach alternativen Wärmequellen und Energien gesucht. Forschungsprojekte untersuchen heute, wie Abwärme aus Biogasanlagen oder Geothermie genutzt werden kann. 

Die Geschichte der Warmwasserfischzucht zeigt, wie eng Industrie und Natur verzahnt sein können. Wir bewahren dieses Erbe, indem wir die Technik von gestern in die nachhaltige Welt von morgen überführen.

Fischzuchtkraftwerk Jänschwalde

Karpfenproduktion in Sachsen
 -vom Laich zum Speisekarpfen

Karpfen fühlen sich besonders in warmen, flachen und nährstoffreichen Gewässern wohl. Sie bevorzugen weiche Böden aus Schlamm oder Sand und finden dort einen großen Teil ihrer natürlichen Nahrung. Wasserpflanzen schaffen zusätzliche Lebensräume. Für ein gutes Wachstum liegen die optimalen Wassertemperaturen etwa zwischen 20 und 28 °C. Karpfen sind zudem vergleichsweise robust und kommen zeitweise auch mit geringeren Sauerstoffgehalten zurecht.

Karpfenteiche werden je nach Produktionsziel unterschiedlich intensiv bewirtschaftet. Grundlage ist die natürliche Produktion des Teiches. Bei der Nahrungssuche wühlen Karpfen den Boden auf und können dadurch das Wasser natürlich eintrüben. Eine fachgerechte Bewirtschaftung erhält die natürlichen Produktionsgrundlagen. Dazu gehören die Pflege der Teiche und bei Bedarf eine angepasste Kalkung. Stark saure Gewässer sind für die Karpfenproduktion ungeeignet.

Die meist flachen Teiche erwärmen sich im Frühjahr schnell und bieten gute Bedingungen für die Entwicklung der Naturnahrung und das Wachstum der Fische. Gleichzeitig müssen sie ausreichend tief sein, damit die Karpfen den Winter sicher überstehen und genügend Sauerstoff zur Verfügung steht.

Je nach Alter und Entwicklungsstufe wachsen die Karpfen in unterschiedlichen Teichen auf. So können die Teiche gezielt bewirtschaftet und die vorhandenen Nahrungsressourcen optimal genutzt werden. Aus der K0-Karpfenbrut entwickelt sich über K1 und K2 schließlich der K3-Speisekarpfen. Die einzelnen Produktionsschritte orientieren sich an den Grundsätzen der guten fachlichen Praxis der Karpfenteichwirtschaft in Sachsen.

Karpfenbrut
 (1. Lebensstadium)

Am Anfang steht die Gewinnung der Karpfenbrut. Aus ausgewählten Laichkarpfen wird im Frühjahr der Nachwuchs gewonnen. Nach dem Schlupf entwickelt sich die zunächst sehr kleine Brut in speziell vorbereiteten Teichen weiter. Sobald die Fische selbstständig Nahrung aufnehmen, werden sie für die weitere Aufzucht umgesetzt.

 Jungkarpfen
(erstes Jahr K1)

Im ersten Produktionsjahr steht die Entwicklung eines gesunden und kräftigen Jungfisches im Mittelpunkt. Die Karpfen werden in geeignete Aufzuchtteiche eingesetzt und nutzen vor allem die natürliche Nahrung des Teiches. Dazu gehören beispielsweise Zooplankton und andere Kleinstlebewesen. Je nach Produktionsziel kann ergänzend gefüttert werden.

Nach dem ersten Sommer werden die K1 bei der Herbstabfischung aus dem Teich genommen, gezählt, gewogen und für die weitere Aufzucht sortiert.

 Satzkarpfen
(zweites Jahr K2)

Im zweiten Produktionsjahr wächst der Karpfen zum zweisömmrigen Satzfisch heran. Die K2 können entweder als hochwertige Satzfische für andere Teichwirtschaften bereitgestellt oder im eigenen Betrieb weiter aufgezogen werden.

Für die spätere Speisekarpfenproduktion ist die Qualität der K2 besonders wichtig. Besatzdichte, natürliche Nahrungsgrundlage, Fütterung und Wasserqualität werden deshalb an das jeweilige Produktionsziel angepasst.

Speisekarpfen (drittes Jahr K3)

Im dritten Produktionsjahr steht die Erzeugung des Speisekarpfens im Mittelpunkt. Die K2 werden dazu in geeignete Produktionsteiche umgesetzt und wachsen dort über den Sommer weiter.

Neben der natürlichen Produktion des Teiches kann eine angepasste Zufütterung, insbesondere mit Getreide, das Wachstum unterstützen. Gleichzeitig müssen die Fischbestände, der Sauerstoffgehalt und die Entwicklung des Teiches regelmäßig kontrolliert werden.

Ernte und
Nutzung

Im Herbst werden die Karpfen abgefischt, sortiert und nach Größe und Qualität für die weitere Vermarktung vorbereitet. Je nach Produktionsziel erreichen die K3 dabei typischerweise eine marktfähige Größe von etwa 1,5 bis 2,5 kg.

Gute fachliche Praxis

Die Karpfenproduktion ist ein abgestimmter Kreislauf. Teichvorbereitung, Besatz, Entwicklung der natürlichen Nahrungsgrundlage, angepasste Fütterung, Wasser- und Bestandskontrolle sowie Abfischung und Sortierung greifen ineinander.

Die einzelnen Produktionsschritte orientieren sich dabei an den Grundsätzen der guten fachlichen Praxis der Karpfenteichwirtschaft in Sachsen. Dazu gehören unter anderem eine an den Teich und die Fischbestände angepasste Bewirtschaftung, die getrennte Haltung der Altersklassen und eine sorgfältige Kontrolle und Dokumentation der Bestände.

Die Karpfenteichwirtschaft erzeugt damit nicht nur einen hochwertigen regionalen Lebensmittelrohstoff. Die regelmäßige Bewirtschaftung der Teiche trägt zugleich dazu bei, die typische sächsische Teichlandschaft und ihre vielfältigen Lebensräume zu erhalten.

Handwerkliche Tätigkeiten

Zur fachgerechten Bewirtschaftung von Karpfenteichen gehören auch vielfältige handwerkliche Arbeiten. Dazu zählen insbesondere das Anfertigen und Reparieren von Fangnetzen, das Stellen und Warten von Reusen sowie die fachgerechte Versorgung, Sortierung und Verarbeitung der gefangenen Fische.

Diese Arbeiten werden entsprechend den betrieblichen Anforderungen, den fischereifachlichen Erkenntnissen ausgeführt. Dazu gehören ein schonender Umgang mit den Fischen, die sachgerechte Handhabung der Fanggeräte sowie eine hygienisch einwandfreie Verarbeitung und Vermarktung der Erzeugnisse.

Vermarktung

Wir gehören in Sachsen zu den führenden Karpfenproduzenten in Deutschland und erzeugten im Jahr 2024 rund 1665 Tonnen Speisekarpfen. Unsere Vermarktung ist stark regional geprägt und der Verkauf erfolgt überwiegend direkt ab Hof oder bei traditionellen Schaufischen im Herbst.

Unsere Karpfen werden frisch aus dem Hälter verkauft und stehen für hohe Qualität. Wie auch ein Grundsatz pflegt: "Frisch geschlachtete deutsche Karpfen schmecken, aber riechen nicht - Vorgeschlachtete Karpfen auf Eis oder in der Folie riechen, aber schmecken nicht."

Die Entwicklung von ganzjährig verfügbaren Karpfenfertigprodukten ist zu begrüßen, da so viele neue Kunden gewonnen werden können. Letztlich ist das eine Frage der Strukturierung der Teichwirtschaften , die verlässlich über das ganze Jahr Karpfen in diesen Mengen liefern können. Beim Karpfen wird es aber auf Grund seiner extensiven Produktionsweise immer heißen "Klasse vor Masse".

Es gilt, die Besonderheiten dieses Naturproduktes hervorzuheben. Dazu zählen seine naturnahe und nachhaltige Erzeugung, die hohe Lebensqualität und absolute Frische, die Pflege der Teiche als Lebensraum für viele bedrohte Pflanzen- und Tierarten und nicht zuletzt der Erhalt schöner alter Kulturlandschaften und Ihre Bräuche.

Unsere Rezepthefte passend zum regionalen Superfood "Fisch"

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